Grundeinkommen, Umverteilung und Steuern

Starke Umverteilungswirkung

Jessen, Rostam-Afschar und Steiner, die ein Grundeinkommen für finanzierbar halten, meinen (in Bezug auf ein Modell für Deutschland, bei dem an alle Erwachsenen in Deutschland €800 und an alle Minderjährigen €380 pro Monat verteilt würden): „Das bedingungslose Grundeinkommen hätte eine starke Umverteilung zur Folge […]„. Dass ein Grundeinkommen für alle eine starke Umverteilung des Reichtums bedeuten würde, sollte einleuchten – mit Steuern Geld einzutreiben, das dann gleichmässig in der Bevölkerung verteilt wird, ist schliesslich die einfachste Form von Umverteilung, auch wenn die exakte Wirkung natürlich davon abhängt, mit welchen Steuern das Geld erhoben wird. Andererseits wird nicht nur in vielen Definitionen des bedingungslosen Grundeinkommens vorausgesetzt, dass dieses unabhängig von sonstigem Einkommen ausbezahlt wird (siehe z.B. die Kriterien der Europäischen Bürgerinitiative Grundeinkommen), sondern es ist auch wünschenswert, dass nicht nur Personen ohne Einkommen mit der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens Geld bekommen, sondern dass auch Personen mit einem tiefen Einkommen zusammen mit dem Grundeinkommen auf ein höheres Gesamteinkommen kommen, da sich nur dann die Erwerbsarbeit in tiefen Einkommensbereichen weiterhin lohnt. Bei Personen mit einem höheren Einkommen würden natürlich die Steuern für die Finanzierung des Grundeinkommens stärker ins Gewicht fallen als das Grundeinkommen selbst.

Aus linker Sicht erscheint das grundsätzlich sicher als etwas Wünschenswertes. Zu beachten ist allerdings, dass die 208 Milliarden Franken im Jahr, die es brauchen würde, um gemäss dem Vorschlag der InitiantInnen jedem Erwachsenen in der Schweiz CHF 2500 und jedem Kind CHF 625 im Monat zu bezahlen, bereits knapp über ein Drittel des Bruttoinlandproduktes der Schweiz (2015 CHF 640 Milliarden) ausmacht. Auch wenn man für mehr Umverteilung des Reichtums ist, sollte man sich fragen, ob das nicht ein zu hohes Ausmass wäre. Ein Teil der Grundeinkommenszahlungen könnte mit Sozialleistungen, die nicht über CHF 2500 im Monat hinausgehen verrechnet werden, aber es würden immer noch CHF 153 Milliarden übrig bleiben, was angesichts der Tatsache, dass die Summe der jährlichen Ausgaben von Bund, Kantonen, Gemeinden und Sozialversicherung in der Grössenordnung von 200 Milliarden Franken sind, sicher ein eindrücklicher Betrag ist.

Es geht nicht um „Finanzierbarkeit“ als binäre Frage, sondern darum, wie hohe Steuern erforderlich wären und die Vorteile des Grundeinkommens dann immer noch überwiegen.

Oft wird so getan, als ob die Frage sei, ob ein bedingungsloses Grundeinkommen „finanzierbar“ sei. Wenn das als binäre Frage behandelt wird, bedeutet das in Diskussionen faktisch, dass jemand entweder zum Schluss kommt, es sei „finanzierbar“, und dann soll die Frage der Finanzierung als abgehakt gelten und nur noch über die andere Seite der Transaktion, die Auszahlung der Grundeinkommen gesprochen werden, oder man kommt zum Schluss, es sei „nicht finanzierbar“, und damit ist das Thema in die andere Richtung erledigt. Eine solche Betrachtungsweise ist natürlich nicht sinnvoll. Erstens sind die Grenzen dessen, was „finanzierbar“ ist, unscharf – ab einer bestimmten Höhe der Steuersätze steigen Risiken (Rückgang der Wirtschaftstätigkeit, Zunahme der Schattenwirtschaft, Abwanderung etc.) stark an, aber es lässt sich keine exakte Grenze zwischen „finanzierbar“ und „nicht finanzierbar“ bestimmen. Zweitens geht es beim Grundeinkommen natürlich immer um Geldströme mit zwei Seiten, selbst wenn man zum Schluss kommt, es sei „finanzierbar“, ist es natürlich nicht angemessen, bei der Abwägung nur die Folgen der Auszahlung, nicht aber diejenigen des Einziehens der Gelder zu berücksichtigen.

Dass die Grenze dessen, was als „finanzierbar“ gesehen wird, nicht eindeutig ist, sieht man beispielshaft daran, dass einerseits Jessen, Rostam-Afschar und Steiner für ihr Modell in Deutschland und andererseits Habermacher und Kirchgässner (S. 11) zu sehr ähnlichen Schlussfolgerungen – bei einer Finanzierung mit einer linearen Einkommenssteuer würde ein Steuersatz von 70% respektive 68% gebraucht (Habermacher und Kirchgässner (2013) kommen auf einen Einkommenssteuersatz von etwa 75%). Während aber Jessen, Rostam-Afschar und Steiner aus diesem Ergebnis den Schluss ziehen, das Grundeinkommen sei finanzierbar, meinen Habermacher und Kirchgässner, der erforderliche Steuersatz von 68% zeige, dass das Grundeinkommen auf diese Weise nicht finanzierbar sei.

Auswirkungen auf Einkommen

Auf dieser Seite wird eine Finanzierung über die Mehrwertsteuer erörtert; hier soll betrachtet werden, was die Ergebnisse bei einer Finanzierung mit einer Einkommenssteuer mit einem Einheitssatz von 68% für verschiedene steuerbare Einkommen zusammen mit dem Grundeinkommen bedeuten würde.

Monatliches steuerbares Einkommen in CHF Einkommen nach 68% Steuern in CHF Einkommen nach 68% Steuern plus CHF 2500 Grundeinkommen Aktuell in der Stadt Zürich nach Steuern verbleibendes Einkommen in CHF

1000

320

2820

978

2000

640

3140

1890

3000

960

3460

2767

4000

1280

3780

3608

5000

1600

4100

4420

6000

1920

4420

5213

7000

2240

4740

5955

8000

2560

5060

6692

9000

2880

5380

7416

10000

3200

5700

8108

11000

3520

6020

8801

12000 3840 6340

9463

Bis zu einem steuerbaren Einkommen von CHF 4000 im Monat gäbe es mehr Gesamteinkommen als aktuell, bei einem steuerbaren Einkommen von CHF 5000 würden sich die Steuererhöhungen stärker auswirken als das Grundeinkommen, und bei höheren Einkommen gäbe es grössere Unterschiede. Je nach politischer Position und Interessenlage mag man eine solche Umverteilung angemessen oder zu gross finden. Aufgrund des allgemeinen Stimmverhaltens der Schweizer StimmbürgerInnen ist anzunehmen, dass ein solcher Vorschlag nicht mehrheitsfähig wäre, aber im Prinzip ist er sicher diskussionswürdig.

Spezielle Beachtung verdient die Situation von RentnerInnen. Während es bei Erwerbstätigen mit einem tiefen Einkommen eine Verbesserung gegenüber dem status quo gäbe und erst ab einem steuerbaren Einkommen zwischen CHF 4000 und 5000 im Monat eine Verschlechterung einträte, würde sich für RentnerInnen, auch wenn ihr Einkommen nicht besonders hoch wäre, fast durchwegs eine Verschlechterung ergeben, da für sie im Allgemeinen keine grossen zusätzlichen Grundeinkommenszahlungen vorgesehen wären (die AHV-Renten würden für das Grundeinkommen angerechnet) und BVG-Rentenzahlungen in der Schweiz als zu versteuerndes Einkommen gelten. Damit sich die Situation von RentnerInnen nicht zu stark verschlechtert, sollten Renten wahrscheinlich zu einem viel tieferen Satz besteuert werden, was dann bedeuten würde, dass der Steuersatz für Erwerbseinkommen höher sein müsste, wahrscheinlich über 70%. Andererseits könnten, um die Steuersätze für Erwerbstätige etwas weniger hoch werden zu lassen, pauschale Steuerabzüge gestrichen werden (sie würden ja durch das Grundeinkommen mehr als nur ausgeglichen). Im Detail gäbe es wahrscheinlich verschiedene Massnahmen, die sich in die eine oder andere Richtung auswirken würden, aber das erforderliche Niveau der Steuern wäre kaum deutlich unter 70%, und damit die Grenzsteuersätze in keinem Bereich so hoch werden, dass vom verdienten Geld fast nichts mehr bleibt, bliebe dann wohl kaum mehr viel Spielraum für Progressionskurven.

Mit Steuersätzen um 70% würde sich die Erwerbstätigkeit natürlich weniger lohnen als jetzt, und es wäre damit zu rechnen, dass sie tendenziell etwas zurückgeht – in diesem Fall müssten natürlich die Steuersätze weiter erhöht werden, damit trotz der geringeren Steuerbasis das Grundeinkommen weiterhin finanziert werden könnte. Andererseits wäre es in keinem Einkommensbereich so, dass sich mehr oder besser bezahlte Erwerbsarbeit überhaupt nicht mehr lohnen würde, weshalb durchaus plausibel ist, dass dieser Rückgang nicht so stark wäre. Jessen, Rostam-Afschar und Steiner kommen zum Schluss, dass er etwa 5% betragen würde.

Bei so hohen Steuersätzen gibt es natürlich verschiedene potenzielle Probleme, vor allem zwei müssten sicher genauer untersucht werden:

  • Ein Teil der Personen mit einem besonders hohem Einkommen könnte ihr Steuerdomizil in ein anderes Land verschieben (die Steuersätze wären ja fast überall geringer als in der Schweiz), und Firmen, die gutbezahlte Personen anstellen, würden eher in anderen Ländern Stellen schaffen. Viele mögen solcher Aussagen überdrüssig sein, da in der Schweiz schon bei gemässigten Vorschlägen von bürgerlicher Seite immer das Schreckgespenst der Abwanderung von Firmen und guten SteuerzahlerInnen an die Wand gemalt wird. Aber bei Steuersätzen von etwa 70% müsste dieses Problem sicher Ernst genommen werden. Die Frage ist nicht so wichtig, wenn es nur darum geht, ob ein bedingungsloses Grundeinkommen eine interessante Idee ist, die langfristig und international weiterverfolgt werden soll, aber wenn darüber abgestimmt wird, ob konkret in der Schweiz ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt werden soll, ist sie natürlich wichtig. Wenn auf diese Weise ein Teil der Steuereinnahmen von Gutverdienenden wegfielen, müssten die Steuersätze noch weiter erhöht werden (80% oder mehr?), und irgendwann würde ein Bereich erreicht, bei dem sich die Erwerbstätigkeit zu wenig lohnt.
  • Wenn die Steuern schon so hoch wären, dass eine weitere Erhöhung kaum mehr realistisch wäre, steigt natürlich die Gefahr in Wirtschaftskrisen. Die Steuereinnahmen können variieren, und es müssten gute Pläne vorhanden sein, was gemacht wird, wenn mit ihnen die Grundeinkommenszahlungen nicht mehr gedeckt werden können. Wenn die Finanzierbarkeit diskutiert wird, reichen Schönwettermodelle sicher nicht, es müssten auch Stress-Tests gemacht werden.

Es gibt auch in anderen Ländern Beispiele für hohe Spitzensteuersätze, aber der entscheidende Unterschied ist, dass diese nur für sehr hohe Einkommen galten. In den USA war der Spitzensteuersatz für Einkommen über USD 200’000 vom Zweiten Weltkrieg bis 1964 über 90%. Es waren aber nur wenige, die tatsächlich so hohe Steuern bezahlten, und von einigen wird es eher so interpretiert, dass diese hohen Spitzensteuersätze eine Methode waren, um durch die Steuergesetzgebung der Wirtschaft eine Art Maximallohn zu signalisieren und nicht der Maximierung der Steuererträge dienten. In den Modellen für das Grundeinkommen, die hier diskutiert werden, würde dagegen selbst ohne Progression ein Steuersatz von 70% benötigt. Ausserdem wäre für die Schweiz als kleines Land das Risiko von Verlagerungen des Steuerdomizils wahrscheinlich wesentlich höher.

Wenn die Grundeinkommens-InitiantInnen sich eindeutig für ein Modell mit einer solchen starken Umverteilung aussprechen würden, wäre es ein an sich konsistentes linkes Umverteilungsprojekt, das sicher mit bedeutenden Risiken behaftet wäre und kaum mehrheitsfähig wäre, aber abgesehen von den erheblichen finanziellen Risiken und der Frage, ob ein solches Mass an Umverteilung tatsächlich gesellschaftlich akzeptiert würde, aus linker Sicht kaum bedeutende Nachteile hätte. Bedeutende Probleme, die sich bei anderen Modellen, mit denen versucht wird, das Mass der Umverteilung zu beschränken, würden sich hier nicht ergeben. Aufgrund der hohen Steuersätzen würde sich Erwerbsarbeit sicher weniger lohnen als jetzt, aber es wäre niemand in der Situation, dass sie sich gar nicht mehr oder fast nicht mehr lohnt. Im Gegensatz zu Modellen mit „Abschöpfung“ der ersten CHF 2500 Einkommen würde auch keineswegs besonders gefördert, dass Paare die Erwerbsarbeit möglichst einseitig aufteilen. Wenn zwei Personen je ein monatliches steuerbares Einkommen von CHF 4000 hätten sie nach Besteuerung und Addition des Grundeinkommens je CHF 3780, was zusammen CHF 7560 ergibt. Wenn dagegen eine Person ein steuerbares Einkommen von CHF 8000 hat und die andere nicht erwerbstätig ist, ergibt sich für die erwerbstätige Person nach Steuern und Addition des Grundeinkommens ein Betrag von CHF 5060 und für die andere das Grundeinkommen von CHF 2500, was zusammen wieder den Betrag von CHF 7560 ergibt. Wenn angenommen wird, dass die Stellen jeweils gleich entlöhnt würden, würde für das Paar in beiden Fällen das gleiche Gesamteinkommen resultieren, wenn beide 50% arbeiten oder wenn eine 100% arbeitet und die andere nicht erwerbstätig ist. Wenn tatsächlich ein Modell mit so hohen Steuersätzen durchgesetzt werden könnte, würde das Problem, dass eine einseitige Aufteilung der Erwerbsarbeit gefördert würde, also nicht existieren.

Negative Einkommenssteuer

Manchmal wird es so dargestellt, als ob eine negative Einkommenssteuer ein grundlegend anderes Konzept sei als ein Grundeinkommen. Tatsächlich haben die zwei Begriffe eine unterschiedliche Geschichte, und nicht alle, die eine negative Einkommenssteuer vorschlugen, meinten, dass mit dieser Geld völlig bedingungslos ausbezahlt werden solle. Aber ein mit einer Einkommenssteuer finanziertes Grundeinkommen für alle wäre nichts grundsätzlich anderes als ein System mit einer negativen Einkommenssteuer. Eine Interpretation der Tabelle oben ist, dass an alle Erwachsenen ein Grundeinkommen von CHF 2500 ausbezahlt wird und sie auf alles Erwerbseinkommen eine Steuer von 68% bezahlen. Eine andere Interpretation wäre, dass die Steuern bei einem Monatseinkommen von CHF 3676 null wären, darüber positiv und darunter negativ. Wenn Progression eingeführt würde, wären die naheliegenden Kurven in den beiden Fällen unterschiedlich, aber im Falle eines Einheitssteuersatzes wären „Grundeinkommen“ und „negative Einkommenssteuer“ nur zwei verschiedene mögliche Arten, die selbe Situation zu beschreiben. Insofern ergäbe es dann auch nicht wirklich einen Sinn, darüber zu beklagen, dass selbst Personen mit einem hohen Einkommen das Grundeinkommen bekommen. Für sie wäre das Grundeinkommen ja sowieso viel geringer als die Steuern. Man könnte sicher eine Regel einführen, dass Personen ab einem bestimmten Einkommen das Grundeinkommen nicht bekommen, aber das würde dann einfach bedeuten, dass die Grenzsteuersätze in bestimmten Einkommensbereichen noch höher als 68% sein müssten.

Das Problem hoher Steuersätze lässt sich nicht vermeiden, höchstens verlagern

Tatsächlich gibt es aber von der Seite der InitiantInnen kein klares Bekenntnis zu sehr hohen Steuern für Gutverdienende. Mit verschiedenen Modellen wird versucht, zu erreichen, dass die Steuersätze für hohe Einkommen weniger hoch wären. Dass die Steuersätze für höhere Einkommen tiefer sind als 68% ist aber nur möglich, wenn die Steuersätze für tiefe Einkommen noch höher wären – das würde nicht zu einer Verschlechterung gegenüber dem status quo führen, da die sehr hohen Steuern durch die Grundeinkommenszahlungen ausgeglichen (und bei den tiefsten Einkommen mehr als ausgeglichen würden), aber es würde natürlich dazu führen, dass der finanzielle Vorteil von Arbeitsstellen mit einem tiefen Lohn gering wäre und ein Rückgang der Erwerbstätigkeit und/oder eine Abwanderung in die Schattenwirtschaft zu erwarten.

Eine Extremvariante würde darin bestehen, dass die ersten CHF 2500 des Einkommens zu 100% besteuert würden. Dann hätte eine Person mit einem Erwerbseinkommen von CHF 2500 genau das gleiche Einkommen wie eine nicht erwerbstätige Person (solche Teilzeit-Stellen würden sich also finanziell überhaupt nicht mehr lohnen). Der Haupteffekt wäre wahrscheinlich, dass gefördert würde, dass Paare die Erwerbsarbeit ungleich aufteilen – wenn beide mit Voll- oder Teilzeitstellen über CHF 2500 verdienen, bekommen sie nicht Zusätzliches, wenn dagegen eine Person nicht erwerbstätig ist, gibt es Zahlungen von CHF 2500 im Monat. Da Paare mit einer sehr ungleichen Aufteilung der Erwerbsarbeit in allen Schichten vorkommen, hätte ein solches Modell nicht mehr viel mit Umverteilung des Reichtums zu tun.

Einkommensverteilung in der Schweiz

Ein mit Steuern finanziertes Grundeinkommen, das gleichmässig an alle ausbezahlt wird, würde sicher tendenziell zu einer Reduktion der Einkommensungleichheit beitragen (auch wenn es natürlich dafür eine grosse Rolle spielen würde, mit welchen Steuern es finanziert würde). Einige Personen, die sich für ein Grundeinkommen aussprechen, wollen damit nicht in erster Linie die Erwerbsarbeit freiwillig machen, sondern die Einkommensungleichheit unter Erwerbstätigen vermindern (z.B. der US-Ökonom und Ex-Arbeitsminister Robert Reich). Dann stellt sich natürlich die Frage, ob die Umverteilung wirklich ein solches Ausmass haben muss, dass man alleine schon vom umverteilten Betrag einigermassen gut leben könnte. Die Überlegung sollte dann nicht sein, dass eine Verringerrung des Einkommensungleichheit wünschenswert wäre und mit einem steuerfinanzierten Grundeinkommen für alle eine solche erreicht würde, sondern man sollte sich fragen, eine wie starke Umverteilung – auch unter Berücksichtigung von Risiko-Aspekten und anderen Zielen, für die Geld gebraucht wird – optimal wäre.

Während in den USA die Einkommensungleichheit tatsächlich sehr gross ist und zugenommen hat, ist die Schweiz in einer deutlich besseren Lage. Angaben zur Einkommensverteilung in verschiedenen Ländern sind hier zu finden: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_Einkommensverteilung  Wenn auf den Gini-Index geschaut wird, ist die Schweiz im mittleren Bereich und international gesehen bei dem Drittel mit einer kleinen Ungleichheit. Die Einkommensungleichheit ist in der Schweiz viel geringer als in den USA und vielen Schwellenländern. Wenn man sich auf den Gini-Index stützt, ist sie in der Schweiz grösser als in den skandinavischen Ländern, Österreich, Deutschland und (etwas knapper) Frankreich, aber kleiner als in Polen, Irland, Grossbritannien, Italien und Portugal. Bei einem Vergleich der höchsten 20% und der tiefsten 20% der Einkommen schneidet die Schweiz schon etwas besser ab, dann ist die Einkommensungleichheit immer noch grösser als in den skandinavischen Ländern und Deutschland, aber in Österreich und Frankreich ist sie bereits grösser als in der Schweiz. Wenn nur die untersten und die obersten 10% der Einkommen miteinander verglichen werden, ist die Schweiz nach Japan sogar weltweit an zweiter Stelle in der Rangliste der Länder mit der geringsten Einkommensungleichheit.

Die Einkommensungleichheit hat in der Schweiz auch nicht eindeutig zugenommen, siehe http://www.socialchangeswitzerland.ch/?p=574. Im Jahr 2012 lag die Einkommensungleichheit auf einem ähnlichen Niveau wie 1990. Die Top-Einkommen stiegen in diesem Zeitraum, gleichzeitig verminderten sich die Einkommensunterschiede der Haushalte durch die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen an. Je nach Datenbasis, die gewählt wird, könnte man auch zum Schluss kommen, dass die Einkommensungleichheit etwas gestiegen ist. Die Situation in der Schweiz unterscheidet sich jedenfalls wesentlich von derjenigen in den USA, wo die Einkommensungleichheit viel stärker ist und in den letzten Jahrzehnten auch stark zugenommen hat. Anders als in den USA und in den meisten anderen entwickelten Ländern hat in der Schweiz auch die Lohnquote nicht abgenommen, sondern ist in den letzten 30 Jahren etwa konstant geblieben (siehe http://www.snf.ch/de/fokusForschung/newsroom/Seiten/news-140318-mm-die-lohnquote-in-der-schweiz-bleibt-konstant.aspx).

Es gibt sicher gute Gründe für mehr Umverteilung, und man kann natürlich auch die Auffassung vertreten, dass selbst die skandinavischen Länder eben doch kapitalistische Staaten mit zu viel Einkommensungleichheit sind. Aber die Situation ist kaum so dramatisch, dass drastische Gegenmassnahmen wie eine Umverteilung mit Einkommenssteuern um 70% notwendig erscheinen.

Vermögensungleichheit

Wenn im Zusammenhang mit der Schweiz von besonders grosser ökonomischer Ungleichheit die Rede ist, ist meistens nicht die Einkommensverteilung, sondern die Vermögensverteilung gemeint. Bei der Vermögensverteilung belegt die Schweiz tatsächlich einen unrühmlichen Spitzenplatz mit sehr grosser Ungleichheit (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_Verm%C3%B6gensverteilung, http://www.20min.ch/finance/news/story/Ungleich–ungleicher–Schweiz-13873378). Der Gini-Koeffizient für die Vermögensverteilung ist allerdings wesentlich schwieriger zu interpretieren als derjenige für die Einkommensverteilung, und das Thema ist im Zusammenhang mit der Frage von mehr Umverteilung mit einem Grundeinkommen auch nicht unbedingt so relevant, da keineswegs klar ist, ob diese überhaupt reduziert würde.

Beim hohen Gini-Index für die Vermögensverteilung in der Schweiz kumulieren sich wahrscheinlich verschiedene Faktoren. Teilweise hat er damit zu tun, dass in der Schweiz tatsächlich viele sehr reiche Menschen leben, die Schweiz gehört zu den Ländern mit dem grössten Anteil von MillionärInnen (siehe http://www.finews.ch/news/finanzplatz/12016-millionaer-schweiz-studie-bcg-uhnw). Als Erklärung wird unter anderem genannt, dass in der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs keine grossen Vermögenswerte zerstört wurden, und es könnte auch eine Rolle spielen, dass die Schweiz mit Regelungen wie der Pauschalbesteuerung die Schweiz ein attraktives Domizil für Superreiche aus dem Ausland ist. Aber für den Gini-Index spielt nicht nur die Vermögensverteilung im obersten Bereich eine wichtige Rolle. Wenn man die Rangliste auf der Basis des Credit Suiss Global Wealth Report 2010 anschaut (http://www.reichtum-in-der-schweiz.ch/fakten/cs_global_wealth_report_2010.html), fällt auf, dass die Schweiz nach Namibia und Singapur auf Platz 3 mit der grössten Ungleichheit ist, aber auf Platz 6 ist Schweden und auf Platz 8 Dänemark – diese skandinavischen Wohlfartsstaaten würde man normalerweise nicht unbedingt mit besonders grosser ökonomischer Ungleichheit assoziieren. Erklärungen im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg könnten auch hier eine Rolle spielen – Schweden war wie die Schweiz nicht direkt vom Krieg betroffen, und Dänemark gehört nicht zu den Ländern, in denen die Zerstörungen besonders gross waren. Aber es gibt auch Erklärungen, die damit zu tun haben, dass gerade in Ländern mit einem relativ guten Sozialstaat und guten Altersrenten Personen in der Mittelschicht ein weniger grosses Bedürfnis haben, privat zu sparen, um sich für die Zukunft abzusichern. Die Zahlen, die für den Gini-Index für die Vermögensverteilung benutzt werden, berücksichtigen keine Rentenansprüche. Für Deutschland konnte gezeigt werden, dass der Gini-Index wesentlich tiefer ist, wenn Rentenansprüche berücksichtigt werden (siehe http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/vermoegensverteilung-wie-die-rente-arm-und-reich-gleicher-macht-12821766.html), und für die Schweiz ist anzunehmen, dass dies auch der Fall wäre, weil das (bei den üblichen Berechnungen zum Gini-Index nicht berücksichtigte) BVG-Pensionskassenvermögen und das sonstige Vermögen der gleichen Person nicht stark korrelieren (siehe http://www.batz.ch/2015/05/bvg-vermoegen-und-vermoegensverteilung/).

Auch wenn der Gini-Index für die Schweiz bei Berücksichtigung der Rentenansprüche wahrscheinlich deutlich tiefer wäre, kann man die Ungleichheit bei der Vermögensverteilung natürlich immer noch für beunruhigend gross halten. Aber das hat mit einer möglichen Verringerung der Einkommensunterschiede im Zusammenhang mit einem Grundeinkommen nicht unbedingt viel zu tun. Die wenigsten meinen ja, das Grundeinkommen solle durch Vermögensenteignungen (oder sehr hohe Vermögenssteuern) finanziert werden. Das wäre rechtlich und praktisch kaum durchführbar und auch nicht nachhaltig. Ein Teil der Superreichen würde die Schweiz wohl verlassen, wenn die Einkommenssteuern auf 70% erhöht würden, aber alte Vermögen würden dadurch eher nicht verschwinden – das sieht man auch daran, dass trotz der relativ hohen Steuern (wenn auch längst nicht so hohen wie sie für die Finanzierung eines Grundeinkommens in der vorgeschlagenen Höhe erforderlich wären) in Schweden und Dänemark die Vermögen auch ziemlich ungleich verteilt sind. Für den Gini-Index sind nicht nur die ganz Reichen wichtig. Überall gibt es Reiche und einen bedeutenden Teil der Bevölkerung, der abgesehen von Rentenansprüchen kaum ein Vermögen hat. Dafür, wie ungleich die Verteilung insgesamt ist, ist es auch entscheidend, in welchem Ausmass Personen aus der Mittelschicht ein Vermögen aufbauen. Dass dies in höherem Ausmass geschehen würde, wenn Einkommenssteuern in der Grössenordnung von 70% eingeführt würden, erscheint zweifelhaft. Während ein mit hohen Steuern finanziertes Grundeinkommen für alle sicher die Einkommensungleichheit verringern würde, ist nicht unbedingt von einer Verringerung der Ungleichheit bei der Vermögensverteilung auszugehen.